Preisträgerin in der Kategorie
„Klinische Arbeiten“ 2016

Britta Runkel

Hämophilie in Bewegung – Randomisierte, kontrollierte Studie zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit durch eine Programmierte Sporttherapie (PST) bei Patienten mit Hämophilie

Verbesserung der Lebensqualität und körperlichen Leistungsfähigkeit durch eine speziell auf Patienten mit Hämophilie zugeschnittene Sporttherapie

Die Zeiten, in denen Mediziner Patienten mit Hämophilie wegen Blutungs- und Verletzungsrisiken von sportlichen Aktivitäten abgeraten haben, gehören der Vergangenheit an. In jüngerer Vergangenheit belegten Studien bereits den positiven Effekt gezielter physio- und sporttherapeutischer Maßnahmen auf die Fitness und den allgemeinen Gesundheitszustand von Patienten mit Hämophilie. In dem jetzt prämierten Projekt haben Britta Runkel und ihr Team weltweit erstmalig in einer großen randomisierten kontrollierten Studie (RCT) untersucht, wie sich eine „Programmierte Sporttherapie“ (PST) auf die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität von Patienten mit Hämophilie auswirkt. Die PST kombiniert spezielle Schulungscamps in Gruppenform mit einem selbständigen Heimtraining in Kooperation mit wohnortnahen Gesundheitsstudios. In die Studie waren 64 Patienten mit Hämophilie eingeschlossen (mehrheitlich mit schweren Formen der Hämophilie A oder B); 24 davon absolvierten ein halbes Jahr lang jeweils zweimal wöchentlich unter professioneller Betreuung eine individuell angepasste Trainingseinheit, bei der gezielt bestimmte Muskelgruppen und koordinative Fähigkeiten angesprochen wurden. Die Kontrollgruppe mit 28 Patienten mit Hämophilie führte ein normales Leben ohne PST (bei insgesamt 12 Studienabbrechern). Die Teilnehmer der PST-Gruppe entwickelten bei den trainierten Muskelgruppen eine signifikant verbesserte Kraftleistungsfähigkeit; außerdem gaben die Teilnehmer der PST -Gruppe in Fragebögen zu ihrem subjektiven Körper- und Gesundheitsempfinden an, dass sich u.a. die allgemeine Gesundheitswahrnehmung, das psychische Wohlbefinden und die krankheitsbezogene Lebensqualität verbessert habe. Mit der „Programmierten Sporttherapie“ lässt sich die Behandlung der Hämophilie sinnvoll im Sinne eines verbesserten Versorgungsangebots ergänzen.

Weiterführende, auf dieses Projekt aufbauende Ansätze werden sich mit einer optimierten Trainingssteuerung (speziell des Heimtrainings, unter Einsatz eines Web-basierten Trainingscoachings und eines digitalen Aktivitätstrackers), der inhaltlichen Weiterentwicklung und Differenzierung der Therapiecamps sowie dem Ausbau wohnortnaher Therapiecamp-Angebote befassen, um die PST einem größeren Kreis von Patienten mit Hämophilie zugänglich zu machen. Im Fokus der Forscher stehen dabei Untersuchungen, wie sich durch Maßnahmen wie z.B. der PST Hämophilie-relevante Gesundheitsparameter wie Blutungen, Schmerzen, Sturzanfälligkeit bzw. der Gelenkzustand von Patienten mit Hämophilie positiv verändern lassen.

Zur Person

Britta Runkel

Britta Runkel, Jahrgang 1985, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sportmedizin der Bergischen Universität Wuppertal, wo sie derzeit zum Thema „Randomisierte kontrollierte Studie zur Verbesserung der Kraftleistungsfähigkeit durch gezielte bewegungs- und sporttherapeutische Maßnahmen an Krafttrainingsgeräten bei Patienten mit Hämophilie“ promoviert. Runkel hat einen Abschluss als Master of Sports Science (Schwerpunkt Diagnostik und Intervention) und forschte vor ihrer Tätigkeit an der Universität Wuppertal als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen im Arbeitsbereich Trainings- und Bewegungswissenschaft.

„Mein zentrales Ziel ist die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit von Patienten mit Hämophilie zu verbessern.“

Gespräch mit Britta Runkel, Gewinnerin des diesjährigen Günter Landbeck Excellence Award in der Kategorie „Klinische Arbeiten“

Was macht die Hämophilie aus Ihrer Sicht zu einem bedeutenden Forschungsfeld?

Da die Hämophilie eine seltene Erkrankung ist, liegen zur sporttherapeutischen Forschung erst wenige Studien vor, dabei praktisch keine relevante randomisiert-kontrollierte Studie. Da insbesondere bei der Hämophilie aufgrund der Einblutungsgefahr Vorbehalte hinsichtlich der Anwendung sporttherapeutischer Programme bestehen, war es mir ein besonderes Anliegen, meinen Forschungsschwerpunkt in diesem Bereich zu wählen. Mein zentrales Ziel ist die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit von Patienten mit Hämophilie zu verbessern. Als Reaktion der Patienten habe ich eine große Dankbarkeit erfahren, dies ist immer eine besondere Motivation.

Mit welchem Problem / welcher Fragestellung befasst sich Ihre Arbeit?

Aufgrund der oft immer wieder auftretenden Einblutungen in die Gelenke ist die Muskulatur um die Hauptproblemgelenke teils stark atrophiert und die Gelenke sind stark beeinträchtig. Dies führt häufig zu enormen Einschränkungen in der Leistungsfähigkeit und somit auch zu Beeinträchtigungen im täglichen Leben. Aus diesem Grund ist es wichtig, die körperliche Leistungsfähigkeit von Patienten mit Hämophilie gezielt und individuell aufzutrainieren. Die ‚Programmierte Sporttherapie‘ beinhaltet ein 3-4 tägiges Gruppentraining in Form von Schulungscamps, welche durch ein individuelles Heimtraining über sechs Monate ergänzt werden. Der Arbeitskreis um Prof. Hilberg beschäftigt sich mit diesem Konzept seit über 15 Jahren. Im Rahmen des vorliegenden Projektes wurde das sechsmonatige Heimtraining durch ein gerätegestütztes Training in wohnortnahen Gesundheitseinrichtungen ergänzt und erweitert. So wurden die Patienten in das Gerätetraining eingeführt und über sechs Monate kontinuierlich begleitet. Vorher und nachher haben wir verschiedene Zielparameter in Bezug auf die Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität überprüft.

Welche Methode haben Sie angewendet?

Wir haben sowohl objektive als auch subjektive Parameter erhoben. Zu den objektiven Methoden gehörten Parameter der komplexen Kraftleistungsfähigkeit, der Ausdauerleistungsfähigkeit, der Koordination sowie der Gelenkstatus. Diverse Fragebögen u.a. zur Lebensqualität und zur subjektiven Leistungsfähigkeit ergänzten die oben aufgeführten objektiven Methoden.

Was sind Ihre zentralen Erkenntnisse?

Mit diesem Forschungsprojekt konnten wir zeigen, dass eine gezielte Sporttherapie bei Patienten mit Hämophilie wirksam und auch mit hochgradigen gelenkspezifischen und körperlichen Einschränkungen möglich und effektiv ist. Sowohl objektive als auch teils subjektive Parameter konnten wir verbessern. Das Training muss dabei jedoch an die Erkrankung und an den Patienten individuell angepasst werden.

Was hat Sie daran am meisten überrascht?

Trotz der komplexen Krankheitssituation war die ‚Programmierte Sporttherapie‘ auch mit Patienten mit vermehrt schwerer Hämophilie erfolgreich und ohne Komplikationen durchzuführen, sofern sich die Patienten auch konsequent an die Vorgaben gehalten haben. Weiterhin hat mich die große Motivation der Patienten überrascht. Ein Teil war sogar bereit im Rahmen einer Nachbeobachtungsphase erneut an den Untersuchungen teilzunehmen. Somit konnte ebenfalls gezeigt werden, dass die Teilnehmer welche nach der Studie eigenständig weiter trainiert haben, zusätzlich Verbesserungen erzielen konnten.

Inwiefern werden Menschen mit Hämophilie in Zukunft von Ihrer Forschung profitieren können?

Ich denke, dass durch diese randomisiert kontrollierte Studie deutlich belegt wurde, dass eine individuelle und zielgerichtete Sporttherapie sinnvoll und effektiv ist. In Zukunft können hoffentlich noch mehr Patienten von diesen Ergebnissen und Handlungsempfehlungen für ihr eigenes Training profitieren und an die Sporttherapie herangeführt werden.

Was bedeutet es für Sie, den GLEA gewonnen zu haben?

Für mich persönlich bedeutet dieser Award eine große Anerkennung unserer geleisteten Arbeit. Durch die Auszeichnung dieses Projektes erhält die Sporttherapie für Patienten mit Hämophilie zusätzlich Aufmerksamkeit und gewinnt somit an Bedeutung. Des Weiteren ist es ebenfalls eine tolle Rückmeldung und Motivation für die teilgenommen Patienten, ohne die so ein Projekt nicht möglich gewesen wäre!

Wie wird das Preisgeld eingesetzt? Welche Projekte planen Sie?

Da im Rahmen dieses Projektes nur eine begrenzte Anzahl an Patienten mit Hämophilie teilnehmen konnten (N=64), wird zukünftig angestrebt, die PST für mehr Patienten zugänglich zu machen. Das Heimtraining soll durch eine moderne und eventuell webbasierte Trainingssteuerung weiter entwickelt werden. Ein weiterer Blick in die Zukunft ist die Weiterentwicklung der im Rahmen der ‚Programmierten Sporttherapie‘ durchgeführten Bewegungs- und Schulungscamps. Hier möchten wir langfristig eine Differenzierung der Sporttherapie für jüngere und ältere Patienten vornehmen. Neben der hier genannten inhaltlichen Differenzierung und Weiterentwicklung der Trainingssteuerung ist es ein Ziel, die lokale ‚Programmierte Sporttherapie‘ weiter auszubauen. Die regionale Ausweitung ist notwendig, da Patienten immer wieder aufgrund von langen Anfahrtswegen nicht zu den Schulungscamps kommen können.

Bei den in Zukunft anstehenden Forschungsprojekten soll die „Programmierte Sporttherapie“ also weiterentwickelt und ausgebaut sowie weiter differenziert werden.

Was erwarten Sie in Zukunft von der Hämophilie-Forschung?

In Zukunft würde ich mir von der Hämophilie-Forschung eine stärkere Unterstützung und einen stärkeren Ausbau der Sporttherapie für Patienten mit Hämophilie wünschen. Ich würde dabei erwarten, dass mehr Patienten von den positiven Effekten der zielgerichteten Sporttherapie profitieren und dabei eine weitere Verbesserung der Lebensqualität bei Patienten mit Hämophilie erreicht werden kann.