Preisträger in der Kategorie
„Klinische Arbeiten“ 2017

Prof. Dr. rer. nat. Harald Schulze

The significance of the diagnosis delta-storage pool disorder (SPD) in children with bleeding disorders

Storage Pool Disorder bei Kindern: Neue Methode präzisiert die Diagnose

Storage Pool Disorder (SPD) ist ein Sammelbegriff für verschiedene autosomal-rezessiv vererbte oder erworbene Thrombozytopathien bzw. -penien, die durch einen Mangel thrombozytärer Granula gekennzeichnet sind. Thrombozyten, die als zellkernlose  Partikel im Blut zirkulieren und für die Blutgerinnung verantwortlich sind, enthalten drei Arten von Granula:

  • Alpha-Granula, in denen sich die für die Blutgerinnung erforderlichen Proteine (z.B. Gerinnungsfaktoren) befinden
  • Delta-Granula, die Nukleotide, Kalzium und Serotonin enthalten und auch als dichte Granula bezeichnet werden
  • Lysosomale Granula mit hydrolytischen Enzymen

Zu einem SPD kommt es durch einen Mangel oder die gestörte Sekretion von Alpha- oder Delta-Granula bzw. beiden kombiniert.

Ein angeborener oder erworbener Mangel an Delta-Granula führt zu Aggregationsstörungen, bei denen die Thrombozyten im Rahmen der Blutgerinnung nur unzureichend verklumpen.  Dies führt in der Regel zu mild verlaufenden Gerinnungsstörungen mit einer erhöhten Blutungsneigung der Schleimhäute und vermehrten Hämatomen. Wenn er nicht rechtzeitig erkannt wird, kann ein SPD bei Operationen oder Traumata jedoch zu lebensbedrohlichen Blutungen führen.

Die Diagnose wird durch das Fehlen leicht durchführbarer Testmethoden erschwert und kann derzeit nur in spezialisierten Laboren erfolgen. Hinzu kommt, dass die Delta-Granula bisher nur unzureichend charakterisiert sind.

Um dieses Problem zu beheben, haben Prof. Harald Schulze und seine Arbeitsgruppe 50 Kinder mit Verdacht auf einen SPD untersucht. Die Familienanamnese war in den meisten Fällen positiv. Dabei wurden die herkömmlichen diagnostischen Methoden durch ein optimiertes Testverfahren ergänzt, das die Be- und Entladung der Granula zeitlich auflöste.

Drei Subgruppen konnten nach Auswertung aller Daten  identifiziert werden:

  • Beladungsdefekte
  • Freisetzungsdefekte
  • Kombinierte Defekte

Patienten mit einem Freisetzungsdefekt der Delta-Granula wiesen in der untersuchten Kohorte dabei die höchste Blutungsneigung auf.

Die Einteilung der Patienten in verschiedene Subgruppen anhand des zeitlich aufgelösten Testverfahrens erleichtert die Diagnose häufig übersehener Beladungs- und/oder Freisetzungsdefekte und trägt schließlich dazu bei, den Krankheitsverlauf besser zu verstehen und die Therapie entsprechend anzupassen.

Zur Person

Prof. Dr. rer. nat. Harald Schulze

Prof.-Dr.-Harald-SchulzeHarald Schulze studierte Biochemie an der Universität Hannover und promovierte 1999 über Signalwege von Thrombozyten und angeborenen Thrombozytenmangel. Als Postdoc forschte er mehrere Jahre an der renommierten Harvard Medical School in Boston, USA. 2008 habilitierte er unter Prof. Gerhard Gaedicke und erwarb die Venia legendi im Fach Molekulare Medizin. 2014 wurde er zum Professor für Experimentelle Hämostaseologie an der Universität Würzburg ernannt.
Harald Schulze publizierte seine Arbeiten in Fachzeitschriften wie Nature Genetics, Science, Blood, Haematologica und Current Protocols in Immunology und ist Mitglied in zahlreichen Fachgesellschaften.

Gespräch mit Prof. Dr. Harald Schulze

Gewinner des diesjährigen Günter Landbeck Excellence Awards in der Kategorie „Klinische Arbeiten“

Mit welchem Problem befasst sich ihre Arbeit?

Die verschiedenen Formen des SPD werden häufig nicht erkannt. Die Diagnostik ist bislang sehr unzureichend und kann nur an sehr wenigen Stellen durchgeführt werden, zudem sind die meisten Tests Endpunktbestimmungen. Eine verbesserte Diagnostik von angeborenen Thrombozytopathien ist vor allem für Kinder dringend nötig. Letztendlich ermöglicht eine verbesserte Diagnostik auch eine optimierte Therapieoption.

Welchen Vorteil bringt ihre Methode?

Unser zeitlich aufgelöstes Testverfahren ist eine einfache, schnelle und kostengünstige Methode, um verschiedene Formen des SPD zu unterscheiden. Dazu werden nur minimale Blutmengen von unter 100 μL benötigt, was insbesondere bei kindlichen Blutungsneigungen relevant ist.

Welchen Nutzen erhoffen Sie sich in Zukunft für die Patienten?

Durch unsere Arbeit sind wir jetzt in der Lage, die Patienten besser einzuordnen, ihre Blutungsneigung besser zu verstehen und Therapieoptionen entwickeln zu können. Letztlich erhoffen wir uns, auch die genetischen Grundlagen für die einzelnen Erkrankungen aufklären zu können.

Welche Projekte möchten Sie nach dem Gewinn des GLEA umsetzen?

Bislang sind unsere Patientenzahlen in den einzelnen Gruppen zu gering, um statistisch signifikante Zuordnungen zu anderen diagnostischen Parametern sowie der Blutungsneigung zu erheben. Hier wäre es somit sehr wünschenswert, den Stellenwert von Medikamenten zu Prophylaxe und Behandlung von Blutungen zu bestimmen. Darüber hinaus bleiben Patienten mit erworbenen Defekten in den delta-Granula, die ebenfalls identifiziert werden sollten. Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich durch die mit dem GLEA ausgezeichnete Arbeit eine Lücke in der bisherigen Diagnostik schließen lässt, gerade auch aufgrund der Einfachheit des Tests und des geringen benötigten Probenvolumens.